Was sind Sanktionen im Jugendstrafrecht?
Das Jugendstrafrecht verfolgt ein anderes Ziel als das Erwachsenenstrafrecht: Erziehung statt Strafe. Dementsprechend sehen die Regelungen des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) eine Vielzahl an Reaktionen auf jugendstrafrechtliches Fehlverhalten vor. Diese hängen von der Schwere der Tat, der Persönlichkeit des Jugendlichen und seinen Lebensumständen ab. Die Strafen des Strafgesetzbuchs finden keine Anwendung. Typische Sanktionen im Jugendstrafrecht sind:
- Erziehungsmaßregeln
- Zuchtmittel
- Jugendarrest
- Jugendstrafe
Diese Sanktionen können kombiniert werden. Welche Maßnahme in Betracht kommt, hängt vom Einzelfall und von dem Verhalten des Jugendlichen/Heranwachsenden im Verfahren ab. Die Verteidigungsstrategie sollte daher frühzeitig mit einem Anwalt für Jugendstrafrecht abgestimmt werden. Mehr Informationen zum allgemeinen Verfahrensablauf finden Sie unter Ablauf Jugendstrafverfahren.
Die Jugendstrafe
Die schärfste Sanktion im Jugendstrafrecht ist die Jugendstrafe. Dabei handelt es sich um eine Freiheitsstrafe, die in einer Jugendstrafanstalt vollzogen wird.
Voraussetzungen:
- Schwere der Schuld (aufgrund der charakterlichen Haltung, Persönlichkeit und Tatmotivation) oder
- schädliche Neigungen des Jugendlichen (sog. Störung in der Persönlichkeitsentwicklung, die zu weiteren erheblichen Straftaten führen würde)
Dauer:
Die Mindestdauer beträgt sechs Monate, die Höchstdauer fünf Jahre (in besonders schweren Fällen zehn Jahre). Die Jugendstrafe kann zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn zu erwarten ist, dass der Jugendliche oder Heranwachsende auch ohne Einwirkung des Strafvollzugs in Zukunft keine Straftaten mehr begehen wird.
Die Jugendstrafe ist besonders einschneidend. Umso wichtiger ist eine fachkundige Verteidigung durch einen Anwalt für Jugendstrafrecht, um eine Jugendstrafe im Ernstfall zu vermeiden. Mehr zur Systematik des Jugendstrafverfahrens unter Jugendstrafrecht.
Was ist Jugendarrest?
Jugendarrest ist ein sogenanntes Zuchtmittel. Er soll kurzfristig wirken, aber keine langfristigen Folgen wie eine Jugendstrafe entfalten. Der Arrest kann auf verschiedene Weise ausgestaltet sein:
- Freizeitarrest (ein bis zwei Wochenenden)
- Kurzarrest (zwei bis vier Tage)
- Dauerarrest (ein bis vier Wochen)
Was ist Freizeitarrest?
Der Freizeitarrest ist die häufigste Form des Jugendarrests. Er wird in der Regel dann verhängt, wenn andere Maßnahmen wie Auflagen oder Erziehungsweisungen aus Sicht des Gerichts nicht ausreichen, um auf den Jugendlichen/Heranwachsenden einzuwirken.
Typisch ist die Anordnung über ein oder zwei Wochenenden, wobei der Jugendliche sich in der Regel jeweils am Freitagabend in der Arrestanstalt einfinden muss und dort bis Sonntagabend bleibt.
Diese Maßnahme soll den Alltag (Schule oder Ausbildung) der Jugendlichen so wenig wie möglich beeinträchtigen, gleichzeitig aber eine spürbare Konsequenz darstellen.
Was sind Erziehungsmaßregeln?
Erziehungsmaßregeln sind die mildesten Maßnahmen im Jugendstrafrecht. Sie dienen nicht der Bestrafung, sondern sollen dem Jugendlichen helfen, zukünftig ein straffreies Leben zu führen. Nach § 9 JGG sind insbesondere folgende Maßnahmen möglich:
- Die Weisung, bestimmte Anordnungen zu befolgen, etwa die Annahme einer Ausbildungsstätte oder die Teilnahme an einem sozialen Training
- Die Anordnung, nach Kräften den durch die Tat entstandenen Schaden wieder gutzumachen (z. B. durch Täter-Opfer-Ausgleich)
- Die Zuweisung eines Betreuers oder sozialpädagogischen Helfers, der den Jugendlichen in seinem Alltag unterstützt
Erziehungsmaßregeln können auch mit anderen Sanktionen kombiniert werden. Oft lassen sich durch eine gute Verteidigungsstrategie härtere Sanktionen vermeiden. Durch frühzeitige Beratung, Vorbereitung und z.B. eine Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe kann eine Erziehungsmaßregel verhindert werden und stattdessen eine Einstellung des Verfahrens erwirkt werden. Als spezialisierte Anwälte im Jugendstrafrecht unterstützen wir Sie!
Weitere Zuchtmittel im Jugendstrafrecht
Neben dem Jugendarrest gibt es weitere Zuchtmittel:
- Verwarnung
- Auflagen (z. B. Entschuldigung, Schadenswiedergutmachung, Arbeitsleistungen)
- Geldbußen zugunsten gemeinnütziger Einrichtungen
Diese Maßnahmen können als Reaktion auf weniger schwerwiegende Taten ausgesprochen werden. Ziel ist auch hier, Einsicht zu fördern und das Verhalten zu ändern.
Ein Eintrag im Führungszeugnis erfolgt in der Regel nicht – wohl aber im Erziehungsregister.
Rechtsanwaltliche Hilfe im Jugendstrafrecht
Viele Eltern fragen sich: Braucht mein Kind wirklich einen Anwalt im Jugendstrafrecht? Die Antwort lautet in den allermeisten Fällen: Ja.
Ein spezialisierter Verteidiger kann unter anderem:
- Akteneinsicht beantragen
- Kontakt mit Jugendgerichtshilfe und Staatsanwaltschaft aufnehmen, um eine Einstellung durchzusetzen
- Jugendliche auf Gespräche und Gerichtsverhandlungen vorbereiten
- Vor Gericht verteidigen
- Rechtsbehelfe gegen Ermittlungsmaßnahmen prüfen
Gerade in frühen Verfahrensphasen – etwa nach einer Vorladung zur Polizei – lassen sich mit einer strategischen Verteidigung oft schwerwiegendere Sanktionen und eine Gerichtsverhandlung vermeiden.
Der Autor Jonas Meese ist Rechtsanwalt bei NEMO Strafverteidiger. Die Kanzlei sitzt in Hamburg und vertritt bundesweit Mandanten auf dem Gebiet des Strafrechts. Jonas Meese verfügt über mehrjährige Erfahrung als Strafverteidiger und bereitet als Dozent für Strafrecht Juristen auf ihr Staatsexamen vor.
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